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"Is gender in the eye of the beholder?" - 2 Experimente


Eine Kunstgeschichte der Frauen von Frances Borzello

"Sobald ich vor der Leinwand saß . . ." - Künstlerinnen aus fünf Jahrhunderten sowie die Bedingungen ihrer Zeit, unter denen sie schufen, werden in diesem Buch lebendig! Ihre Namen sind heute vielen immer noch nahezu unbekannt: Frauen wie Sofonisba Anguissola, Artemisia Gentileschi, Berthe Morisot, Suzanne Valadon, Lyubov Popova, Lee Krasner, Paula Modersohn-Becker u. v. a. haben jedoch einen bedeutenden Beitrag zur Kunstgeschichte geleistet. Frauen machen 50 % der Menschheit aus. "Doch erst allmählich gewöhnt sich die Kunstgeschichtsschreibung daran, . . . (sie) aufzuführen . . . Nie haben Frauen dieselben Bedingungen für die Entwicklung ihres Talentes und die Ausübung ihres Berufes vorgefunden wie ihre Kollegen . . . " (1)


Dennoch sind Kunstwerke von Frauen denen von Männern qualitativ nicht unterlegen - zu diesem Ergebnis kommt die internationale Studie „Is gender in the eye of the beholder?“ (2) („Ist Geschlecht im Auge des Betrachters?")


In dieser Studie untersuchten Wissenschaftler einen interessanten Aspekt der Kunstwahrnehmung. Es ging ihnen darum, im Rahmen des Geschlechterdenkens in der Kunstwelt „ . . . die Kultur von der Biologie zu entwirren“ (2)

Sie veranstalteten zwei Experimente:


  • 1. Experiment: "Can you guess? (2) --> Aus einer Anzahl von 10 ziemlich unbekannten Gemälden ( 5 von männlichen, 5 von weiblichen KünstlerInnen) wurden den Teilnehmern nacheinander 5 Gemälde in zufälliger Auswahl je 30 Sekunden lang gezeigt. Sie sollten das Geschlecht des Malers / der Malerin erraten, sowie die vermuteten Orte und Zeiten ihrer Entstehung ankreuzen. Anschließend waren sie eingeladen, auf einer Skala von 1 bis 10 anzugeben, wie sehr ihnen die Bilder gefallen.


  • 2. Experiment: "What's in a name?" (2) --> Den Teilnehmern wurden nacheinander je 30 Sekunden lang 10 "Gemälde" in zufälliger Reihenfolge gezeigt, welche aber nicht durch wirkliche Künstler oder Künstlerinnen, sondern durch einen Alghorithmus am Computer künstlich produziert worden waren (also Fakes). Die Autoren entwickelten dafür ein eigenes künstliches System mit Hilfe eines sog. Deep Neural Network, das künstlerische Bilder von hoher Wahrnehmungsqualität erschaffen kann. Diese Fake-Gemälde wurden dann mit zufällig generierten Vor- und Nachnamen von vermeintlichen "UrheberInnen" kombiniert, die sofort als weiblich oder männlich zu erkennen waren. Die Teilnehmer waren eingeladen, auf einer Skala von 1 bis 10 anzugeben, wie sehr ihnen die Bilder gefallen.


Die Experimente wurden mit je zur Hälfte weiblichen und männlichen Teilnehmern aus vielen Altersgruppen, Kulturkreisen und Bildungshintergünden durchgeführt.


Die Autoren stellten anhand von Experiment 1 fest: „Im Experiment sind die Teilnehmer nicht in der Lage, das Geschlecht eines Künstlers zu erraten, indem Sie sich einfach ein Gemälde ansehen.“ (2) "Insgesamt schätzten die Teilnehmer das Geschlecht des Künstlers in 50,5% der Fälle richtig, d. h. ihre Vermutungen waren statistisch nicht von zufälligen Ergebnissen zu unterscheiden." (2) Die Autoren kommen deshalb zu dem Ergebnis, ". . . dass es nicht so etwas wie 'Frauenkunst' gibt. " (2)


In Experiment 2 stellten die Autoren fest, dass Kunst insgesamt weniger gewertschätzt wird, wenn der Name ihres Urhebers weiblich ist. Dies wird jedoch eher bei vermögenderen, männlichen Betrachtern beobachtet, die einigermaßen gebildet sind und öfters Ausstellungen besuchen.

Natürlich untersucht die Studie noch viele weitere Aspekte des Themas im Detail.


Fazit der Studie:

Kunst von Frauen und Männern wird im anonymen Experiment sowohl von männlichen als auch von weiblichen Betrachtern als qualitativ gleichwertig erlebt, was biologisch bedingte qualitative Differenzen widerlegt. Ist jedoch bekannt, dass das Geschlecht des Urhebers weiblich ist, wird ein Werk tendenziell weniger wertgeschätzt, erhält weniger Aufmerksamkeit und weniger Marktwert, was wohl kulturellen Einflüssen und Denkweisen geschuldet ist.


Mich interessierte die Studie v.a. deshalb, weil ich mich fragte, ob sie etwas über eventuell (?) spezifisch weibliche oder männliche Ausdrucks-, Betrachtungs- und Wahrnehmungsweisen aussagen kann, und zwar unabhängig von Qualitätskriterien . . . Dafür war sie aber nicht ausgelegt.


(1) Frances Borzello: Sobald ich vor der Leinwand saß. Hildesheim 2012.

Coverfoto: I. Schurig, mit freundlicher Genehmigung des Gerstenberg Verlages.

Die Zitate stammen aus dem Klappentext.


(2) R. Adams, R. Kräussl, M. Navone, P. Verwijmeren: Is gender in the eye of the beholder? Identifying cultural attitudes with art auction prices. Diese Studie liegt mir als PDF vor. Übersetzung der Zitate: I. Schurig.




                 

 

                                                                                            

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